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Der magische Sensor
(Sadothus' Perspektive)





Sadothus fühlte Erleichterung, als Tarodastrus auf die kleine Gruppe zukam. Endlich konnte er sich wieder zurückziehen und Tarodastrus die Beschäftigung mit den Waldgeistern überlassen.

Wie üblich grüßte Tarodastrus nur stumm mit einem Kopfnicken und blickte dann von einem zum anderen.

Sofort wandte sich der Waldgeistmann an ihn und fragte: „Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr den jungen Mann mit einem Gravitationszauber an den Boden gebunden hattet?“

Sadothus starrte den Sprecher an.

Er konnte kaum glauben, dass der Waldgeist gerade den Begriff „Gravitationszauber“ verwendet hatte, geschweige denn, dass er durch Sadothus Aufhebung desselben, sofort den richtigen Schluss gezogen hatte. Wie war das möglich?

Vielleicht, überlegte er, hatte er einmal Elfen darüber reden hören. Schließlich war das Volk der Elfen das einzige, das zu allen anderen magischen Völkern Kontakte pflegte.



Sadothus konnte kaum glauben, dass der schlichte Waldgeist das Wort „Gravitationszauber“ kannte.

Während Sadothus noch sprachlos darüber nachsann, wie ein schlichter Waldgeist zu einem solchen Wissen gelangen konnte, vernahm er Tarodastrus' Antwort, die dieser in seiner üblichen emotionslosen Weise entgegnete: „Es war unumgänglich.“

Die laut geäußerten Worte überraschten Sadothus. Er hatte mit einem stummen Kopfnicken gerechnet, aber nicht mit einer zusätzlichen Erklärung. Es klang fast so, als wollte sich Tarodastrus rechtfertigen. Vor einem Waldgeist? Warum meinte sich sein Freund vor einem grünen Wesen verteidigen zu müssen?

Doch dann stellte der Waldgeist die nächste Frage: „Ihr könnt tatsächlich die Gravitation beherrschen?“

Ha!, dachte Sadothus, hier zeigte sich dann doch die mangelnde Intelligenz der Waldbewohner! Diese Frage war wirklich lächerlich!

Daher schob er, als Tarodastrus antwortete: „Wir können sie nur punktuell verstärken oder abmildern“, ironisch nach: „Wir können nicht fliegen.“



Sadothus erzählte Tarodastrus spöttisch von der Holzscheibe, mit denen die Waldgeister die Magie von im Boden vergrabenen Artefakten bestimmen wollten.

Sein Freund schien die Reaktion zu irritieren, daher meinte Sadothus erklärend: „Wusstest du, dass Waldgeister glauben, die Magiearten von im Boden vergrabenen Artefakten bestimmen zu können? Sie nutzen dafür eine eingefärbte Holzscheibe.“

Wie immer ließ Tarodastrus nicht erkennen, was er dachte. Er richtete lediglich seinen Blick auf die Waldgeistfrau. Der Waldgeistmann ergänzte jedoch noch: „Vykati haben keinen Zugang zur Funktionsweise des magischen Sensors. Daher hält Euer Freund diesen vermutlich für einen Schwindel.“

Keinen Zugang? Welch ein Unsinn!

Das „Gerät“, wie sie es nannten, war mehr Schein als Sein, dachte Sadothus abfällig. Aber was sollte man von einer hübsch aufgemachten Holzscheibe auch schon groß erwarten?

„Sie haben mir zeigen wollen, dass sie in der Lage sind, Heilungsmagie und Naturmagie nachzuweisen“, meinte Sadothus, der innerlich immer noch den Kopf über einen solchen Nonsens schüttelte, „aber an der allumfassenden Magie sind sie gescheitert. Na sowas!“ Er konnte sich ein ironisches Lächeln nicht verkneifen.

Da wandte sich die Waldgeistfrau plötzlich an Tarodastrus und warf − ohne erkennbaren Zusammenhang − die misstrauische Frage ein: „Hat Euer Gravitationszauber den jungen Vykati in diesen apathischen Zustand versetzt?“

Diese Frage traf Sadothus mehr als er sich eingestehen wollte. Auch wenn Resogurion behauptet hatte, dass sein Zauber nicht viel geschadet hatte, die Zweifel blieben. Und dass die Waldgeistfrau seine unterdrückten Gedanken nun in klare Worte fasste, brachten diese schlagartig zurück in sein Bewusstsein. War er wirklich schuldlos an Murkhus' Zustand?

Tarodastrus antwortete mit fester Stimme in einer für ihn untypischen Ausführlichkeit: „Nein. Die Wirkung der Sternenblumen war durch die magische Instabilität extrem verstärkt worden. Sie trafen den jungen Vykati vollkommen unvorbereitet. Sein Geist war bereits verloren, bevor wir hier eintrafen. Der Gravitationszauber hatte keinen Einfluss mehr auf ihn.“



Die Frage der Waldgeistfrau nach Murkhus’ Zustand lösten bei Sadothus erneut tiefe Schuldgefühle aus.

Sadothus erkannte, dass diese Erklärung in erster Linie seiner Beruhigung dienen sollte. Doch er spürte, dass es nichts half. Die Zweifel nagten an seinem Selbstbewusstsein.

Er wollte sich gerade zurück zu dem moosbewachsenen Felsen außerhalb des Jada-Schreins begeben, als er Tarodastrus sagen hörte: „Mein Freund erwähnte gerade, dass Ihr mit diesem Instrument die Magieart bestimmen könnt?“

Sadothus blieb stehen, unschlüssig, ob er sich zurückziehen oder bleiben sollte. Die Schuldgefühle tobten in ihm, gleichzeitig aber hoffte er, dass Tarodastrus seine Einschätzung dieses Holzstücks teilte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass es ihm helfen würde, wenn sein Freund dieses Instrument ebenso kritisch sah wie er.

Mit Zögern in der Stimme fragte die Waldgeistfrau: „Darf ich es Euch vorführen?“



Sadothus sah mit an, wie die Waldgeistfrau den gleichen Hokuspokus wie bei ihm durchführte.

Nachdem Tarodastrus mit einem knappen Kopfnicken seine Zustimmung gegeben hatte, führte sie den gleichen Hokuspokus durch, den sie schon Sadothus gezeigt hatte. Er beobachtete genau Tarodastrus' Reaktionen auf die Farbveränderung der Holzscheibe, doch wie immer ließ dieser nicht erkennen, was er dachte.

Allerdings bat er die Waldgeistfrau im Anschluss: „Ihr spracht bei unserem ersten Aufeinandertreffen auch von Naturmagie, die hier vorherrschen soll. Könnt Ihr mir diese auch anhand des Sensors zeigen?“

Seltsamerweise spürte Sadothus in den Worten keinerlei Zweifel. War sein Freund etwa wirklich von der Funktionalität dieses Instruments überzeugt? Er musste dies doch genauso zurückweisen wie er selbst. Es stammte von einem magisch minderbegabten Volk. Aus diesem Grund konnte es unmöglich funktionieren! Sadothus konnte es nicht fassen!

Nachdem die Waldgeistfrau der Holzscheibe erneut eine andere Färbung gegeben hatte, meinte er mit spöttischem Unterton zu Tarodastrus: „Du kannst ja mal versuchen, ob dieser angebliche Sensor auch bei dir funktioniert.“

Tarodastrus' Blick drückte leichte Irritation aus, als er ihn ansah, sagte aber nichts. Doch diese Mimik reizte Sadothus noch mehr.

Er spürte einen unerklärliche Zorn in sich aufsteigen. Warum stand Tarodastrus nicht auf seiner Seite? Er brachte den Waldgeistern mehr Loyalität entgegen als ihm. Schon allein aus Solidarität heraus hätte er mit ihm dieses Scheininstrument anzweifeln müssen!

Daher setzte er noch bissiger nach: „Vielleicht reagiert es auf dich. Du scheinst ihm ja mehr Vertrauen entgegenzubringen als ich.“

Wütend blickte er Tarodasatrus an. Dieser entgegnete nichts. Sein Schweigen trug allerdings nicht dazu bei, Sadothus zu beruhigen. Im Gegenteil, er spürte, wie seine Entrüstung immer weiter zunahm.

Doch bevor er erneut eine biestige Bemerkung fallen lassen konnte, trat die Waldgeistfrau auf Tarodastrus zu und hielt ihm die Holzscheibe hin. Sie forderte ihn lächelnd auf: „Bitte versucht es. Vielleicht gelingt es Euch als Hüter des Lichtes tatsächlich, die magischen Schwingungen mit dem Sensor einzufangen.“

Sadothus schnaubte abfällig. Er würde schon sehen, dass diese Holzpalette nichts taugte! Sollte er doch genauso daran scheitern wie er selbst!

Immerhin tat Tarodastrus so, als würde er es ernsthaft versuchen. Er schloss die Augen, nahm, wie die Waldgeistfrau vor ihm, eine sichere Stellung ein und ergriff die Scheibe mit beiden Händen.

Sadothus hatte schon ein spöttisches Lächeln auf den Lippen liegen, als er verwirrt wahrnahm, wie die Flächen der Holzscheibe die Farbe wechselten und eine türkise statt der mattblauen Färbung annahmen.

Hatte Tarodastrus den Trick durchschaut, mit dessen Hilfe diese Scheibe funktionierte?

Als er ihm in die Augen sah, erkannte er jedoch, dass sein Freund über den Farbwechsel ebenso verwundert war wie er selbst. Tarodastrus hatte eindeutig nicht damit gerechnet, dass der Sensor in seinen Händen funktionierte.



Sadothus nahm verwirrt wahr, wie die Flächen auf der Holzscheibe die Farben änderten.

Sollte sich Sadothus geirrt haben?



Sadothus überlegte, ob es Tarodastrus vielleicht auch möglich wäre, die allumfassende Magie nachzuweisen.

Er merkte plötzlich, wie sich seine wissenschaftliche Neugier in ihm regte. Würde Tarodastrus mit diesem Gerät die allumfassende Magie nachweisen können?, dachte er aufgeregt.

Doch bevor er reagieren konnte, fragte der Waldgeistmann ganz begistert: „Könnt Ihr auch die Naturmagie erspüren?“

Tarodastrus schien sich nicht sicher zu sein, denn er zuckte mit den Schultern. Er nahm seine vorherige Stellung wieder ein und schloss die Augen. Sadothus konnte beobachten, wie er sich konzentrierte. Doch dieses Mal geschah nichts.

Als sein Freund die Augen wieder öffnete, wirkte es so, als hätte er ohnehin nicht damit gerechnet, dass es ihm gelingen würde. Schließlich hatte dieser genauso wenig wie Sadothus selbst eine Vorstellung davon, was Naturmagie war.

Da kam Sadothus plötzlich ein Verdacht: Sollte der magische Sensor nur dann eine Magieart anzeigen, wenn der Nutzer eine Vorstellung von dieser hatte? Dann wäre es logisch, dass die Waldgeister die allumfassende Magie nicht hatten finden können. Aber Tarodastrus wusste, wonach er forschen müsste. Schließlich hatte Sadothus oft genug mit ihm darüber gesprochen.

Er beobachtete, wie Tarodastrus die Holzscheibe zurückgeben wollte. Daher bat er rasch: „Kannst du mal versuchen, ob du die allumfassende Magie hier erspüren kannst, die mir der Magieresonanzmesser angezeigt hat?“

Tarodastrus nickte und ging wieder in Stellung. Er schloss die Augen und nach einem kurzen Moment begann der Kristall zu glühen. Die Felder der Holzscheibe wechselten langsam die Farbe, jedes Feld nahm eine andere an.

Mit einem Mal sandte der Kristall ein helles Licht aus und die Felder begannen in einer strahlenden Intensität zu leuchten. Die Waldgeistfrau keuchte ungläubig.



Sadothus bat Tarodastrus, die allumfassende Magie zu testen.

Sadothus konnte es kaum fassen. In ihm breitete sich ein unsagbares Glücksgefühl aus. Er hatte es gewusst!

Die allumfassende Magie war unter den Vykati als theoretisches Modell bekannt, doch galt sie als nicht überprüfbare Grenzhypothese. Allerdings hatte sich Sadothus damit nie zufrieden gegeben. Er war davon überzeugt, dass sie real existierte, in Artefakten gebunden war und nachgewiesen werden konnte. Niemand hatte ihm geglaubt. Stets wurde er dafür verspottet − und nun hatte er den visuellen Beweis, dass er mit seiner Meinung recht gehabt hatte.

Das Werkzeug, das er so verhöhnt hatte, lieferte ihm diesen. Er selbst war zwar nicht in der Lage, das Instrument zu bedienen, aber das störte ihn nicht mehr. Tarodastrus hatte für ihn nachgewiesen, dass er immer richtig gelegen hatte.

Und darüberhinaus verstand er jetzt endlich, weshalb diesem Artefakt der Überflug des Kometen Dhumak nichts anhaben konnte.

„Jetzt wissen wir, welche Art von Magie die MITF hervorruft“, meinte er und strahlte Tarodastrus an. Für ihn war in diesem Augenblick die Welt wieder in Ordnung.



Sadothus war glücklich, dass Tarodastrus
die allumfassende Magie nachweisen konnte.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht der
Waldgeistfrau
Sadothus' Perspektive Aus der Sicht des
Waldgeistmannes

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