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Der Plan
(Sadothus' Perspektive)





Sadothus zweifelte an Tarodastrus' Verstand. Wie nur konnte er an solche Märchengewächse wie Sternenblumen glauben? Er war doch sonst so realistisch.

Noch, während er Tarodastrus nachdenklich betrachtete, zerriss plötzlich ein ohrenbetäubender Knall die Stille, der Sadothus zusammenschrecken ließ. Sein Blick richtete sich direkt auf die Bäume im Zentrum der Lichtung und er erkannte einen riesigen Riss in einem von ihnen.

Im ersten Moment war sein Verstand wie gelähmt, doch dann fiel ihm die eine Schrift über magische Instabilitäten ein, die er vor Jahren gelesen hatte und in der es hieß: „In einer magischen Instabilität richten sich Zauber nicht nur nach der Intention des Wirkenden, sondern spiegeln auch dessen innere Gefühlslage wider. Ein unruhiger oder aufgewühlter Geist kann daher unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugen. Um die beabsichtigte Wirkung zu sichern, müssen Zauber in einem Zustand innerer Ruhe und Kontrolle gesprochen werden.“

Fassungslos murmelte er: „Es wurde ein Zauber gesprochen!“



Als Sadothus den Riss in der Jada-Eiche bemerkte, wusste er, dass jemand einen unvorsichtigen Zauber gewirkt hatte.

Zunächst hatte er Murkhus in Verdacht. Doch dieser lag nach wie vor weinend auf der Lichtung und schien den Knall nicht einmal vernommen zu haben.

Mit einem Mal kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Er blickte zu Tarodastrus und meinte erschüttert: „Die Waldgeister! Möglicherweise hat der Waldgeistmann einen Zauber gewirkt, um der Waldgeistfrau zu helfen. Wenn er innerlich zerrissen war, könnte sich seine Gefühlslage in diesem Baum manifestiert haben! Er darf auf gar keinen Fall noch einen Zauber sprechen!“

Damit drehte er sich um und rannte zurück zu der Stelle, an der er und sein Freund während des Hinwegs auf die Waldgeister getroffen waren. Doch noch bevor er sein Ziel erreicht hatte, kam ihm der Waldgeistmann rennend entgegen.



Sadothus rief dem Waldgeist von weitem zu, dass er keine Zauber aussprechen solle.

„Keine Zauber aussprechen!“, rief ihm Sadothus atemlos zu. „In einer magischen Instabilität führen diese zu ungeahnten Nebenwirkungen!“

Der Waldgeistmann starrte ihn zunächst verständnislos an, doch dann schien ihm die Erkenntnis zu kommen und seine Augen weiteten sich vor Schrecken.

Mit bebender Stimme fragte er: „Was ist passiert?“

„Eine der Jada-Eichen ist eingerissen“, erklärte Sadothus noch immer außer Atem. „Ich befürchte, Eure Gemütslage hat sich in dem Baum niedergeschlagen.“

Entsetzen zeigte sich auf dem Gesicht des Waldgeistes, und ohne ihn noch eines weiteren Blickes zu würdigen, rannte dieser los in Richtung des Jada-Schreins.

Sadothus, zwar noch immer außer Atem, folgte ihm umgehend.

Er erreichte den Jada-Schrein kurz nach dem Waldgeist, der am Rand der Lichtung stehen geblieben war und auf die Bäume starrte.

Plötzlich verfinsterte sich dessen Gesicht und er murmelte: „Nein, das werde ich zu verhindern wissen!“

Ein einziger Blick genügte Sadothus, um die Situation zu erfassen: Der Waldgeist hatte Tarodastrus mit der Schaufel erblickt, und daraus die falschen Schlüsse gezogen.

Sadothus musste den Waldgeist stoppen, sonst würde dieser erneut einen Fehler begehen. Er hielt ihn am Arm fest und erklärte mit ruhiger Stimme: „Tarodastrus will das Loch schließen. Er hebt es nicht aus.“

Der Waldgeist wollte sich losreißen, doch dann weiteten sich seine Augen ungläubig.

„Das ist der Hüter des Lichtes?“, fragte dieser fassungslos.



Ein Blick genügte Sadothus, um zu erkennen, dass der Waldgeist die Situation vollkommen falsch einschätzte.

Sadothus nickte. Er hatte sein Ziel erreicht. Der Waldgeist ließ Tarodastrus gewähren. Sein Blick verriet nun keine Wut mehr, sondern unverhohlene Bewunderung.

Tarodastrus würde es nicht gutheißen, dachte Sadothus mit einem leichten schlechten Gewissen, dass er dem Waldgeist verraten hatte, wer er war. Aber nur so hatte er den zornigen Mann davon abhalten können, sich auf seinen Freund zu stürzen. Sicherlich würde Tarodastrus ihm dies verzeihen.

Inzwischen hatte sein Freund die Grube geschlossen und die Erde festgetreten. Doch wie Sadothus irritiert feststellte, hatte sich die Intensität des Flirrens nicht geändert. Das Zuschippen der gegrabenen Löcher hatte anscheinend keinen Einfluss auf die magische Instabilität. Das war besorgniserregend.

Wenn der Jada-Schrein nicht auf Dauer zur verbotenen Zone erklärt werden sollte, musste die Instabilität rückgängig gemacht werden. Aber wenn das Wiederherstellen des ursprüngliche Zustandes keinen Einfluss auf die Störung nahm, was konnte dann noch helfen?



Sadothus überlegte, ob Resogurion dabei helfen könnte, die magische Stabilität wieder herzustellen.

Resogurion!, dachte Sadothus. Ein Hüterwesen von einer anderen Welt, das in der Lage war, quer durch das Universum zu reisen, sollte doch sicherlich in der Lage sein, mit einer magischen Instabilität fertig zu werden. Wenn also irgendetwas diese Störung beherrschen konnte, dann war es Resogurion!

Er musste mit Tarodastrus sprechen, aber unter vier Augen. Weder Murkhus noch der Waldgeist durften etwas mitbekommen.

„Bleibt hier“, sagte er zum Waldgeist, „Tarodastrus und ich werden versuchen, die Stabilität der Magie wieder herzustellen.“

Und sei es nur, indem wir Resogurion überreden, hier tätig zu werden, dachte Sadothus.

Der Waldgeist nickte und blieb am Rand der Lichtung stehen.

Sadothus trat auf Tarodastrus zu, der zum Riss der Jada-Eiche hochblickte.

„Kann er nicht eingreifen? Oder will er nicht?“, fragte er leise.

Tarodastrus wandte ihm seinen Blick zu. „Zu viele Zuschauer“, antwortete er.

Sadothus blickte sich auf der Lichtung um. Murkhus hatte sieben Löcher an falscher Stelle gegraben, bevor er den entscheidenden Ort gefunden hatte, stellte er fest, und in ihm reifte ein Plan. Die Schwierigkeit bestand allerdings nicht darin, diesen Plan glaubwürdig umzusetzen, wusste er, sondern Tarodastrus davon zu überzeugen, sich daran zu beteiligen.

„Wie ich sehe“, sagte er laut, sodass der Waldgeist ihn verstehen konnte, „hast du die entscheidende Mulde schon geschlossen.“

Tarodastrus nickte knapp.

„Ich bin mir sicher, dass, wenn wir die anderen Löcher ebenfalls schließen“, erklärte er erneut in lautem Ton, „die Magie schrittweise wieder hergestellt wird.“

Bevor Tarodastrus widersprechen konnte, fügte er schnell hinzu: „Nur so können wir dieses Gebiet wieder frei zugänglich machen. Ansonsten wäre hier jeder Aufenthalt eines Magiers höchst gefährlich.“



Sadothus stellte laut fest, dass das entscheidende Loch schon zugeschüttet wurde.

Sadothus hoffte, Tarodastrus deutlich gemacht zu haben, dass es keine Alternative zu diesem Vorgehen gab. Entweder mussten sie Murkhus und dem Waldgeist eine sinnvolle Erklärung für die Stabilisierung geben, so dass Resogurion unauffällig eingreifen konnte, oder sie mussten alles so belassen, wie es war, doch das − hatte Tarodastrus mit Sicherheit auch schon erkannt − war keine Option.

Tarodastrus schwieg. Seine Miene blieb unbeweglich. Doch Sadothus wusste, dass sein Freund gerade still sämtliche Möglichkeiten durchging, ob es eine Alternative gab.

Schließlich nickte er kurz, zeigte aber ansonsten keine Veränderung seines Verhaltens. Vermutlich erklärte er nun Resogurion den Plan und wartete darauf, ob dieser darauf eingehen würde.

Sadothus wartete gespannt. Und endlich drückte ihm sein Freund die Schaufel in die Hand und erklärte: „In Ordnung.“

Das Schauspiel konnte beginnen.

Sadothus setzte die Schaufel an und begann eine weitere Mulde, die Murkhus gegraben hatte, wieder mit Erde zu füllen.



Sadothus begann, das nächste Loch mit Erde zu füllen.

Zunächst stellte er keine Veränderung der Zustände fest.

Hatte Resogurion es sich doch noch anders überlegt? Mit gerunzelter Stirn schaufelte er eine Lage Erde nach der anderen in das Loch. Und so allmählich begann sich die Luft zu beruhigen − ganz langsam, kaum auffällig.

Das macht Resogurion hervorragend!, dachte Sadothus anerkennend. Schön allmählich − so konnte der Eindruck entstehen, dass wirklich mit jedem Haufen Erde, die den Weg in eine der Gruben fand, die Stabilisierung fortschritt.

Plötzlich sagte Tarodastrus in seiner stillen Art: „Der Blick des Waldgeistmannes hat sich gewandelt.“

Sadothus hielt für einen Augenblick inne. Es war zu befürchten gewesen, dass sein Freund die Veränderung im Verhalten des Waldgeistes bemerken und gleich die richtigen Schlüsse ziehen würde.

Einen winzigen Moment lang überlegte Sadothus, ob er sich rechtfertigen sollte − aber erstens war hier jetzt der falsche Moment, es gab Wichtigeres zu tun. Zweitens konnte sich Tarodastrus denken, dass Sadothus den Namen seines Freundes nicht ohne Grund offengelegt hatte. Und drittens konnte Sadothus − selbst wenn Tarodastrus den Grund nicht anerkennen würde − seine Tat nicht rückgängig machen. Also antwortete er nicht, sondern fuhr still in seiner Arbeit fort.

Nachdem er das Loch vollständig mit Erde gefüllt und diese festgetreten hatte, wandte er sich an Tarodastrus, dessen Blick auf Murkhus ruhte, der nach wie vor am Boden lag.



Einen winzigen Moment lang überlegte Sadothus, ob er sich rechtfertigen sollte.

„Ich habe die Mulde geschlossen. Du bist wieder dran“, erklärte er und drückte ihm die Schaufel in die Hand.

Während sein Freund nun begann, die nächste Grube zu füllen, betrachtete Sadothus den jungen Vykati nachdenklich.

Wie war es möglich, überlegte er, dass Jahrhunderte lang das Artefakt im Jada-Schrein von keinem Vykati beachtet wurde, und jetzt − nachdem er selbst es wiederentdeckt hatte − nach so kurzer Zeit ein zweiter Vertreter seines Volkes darauf aufmerksam wurde?

Sadothus hatte penibel darauf geachtet, die Schriften, die ihn über dieses wertvolle Stück hatte stolpern lassen, im gleichen Zustand wieder genau an die gleiche Stelle in der Bibliothek zurückzustellen. Hatte Murkhus ihn dabei beobachtet? Aber wäre ihm dieser missratene magische Archäologe nicht aufgefallen, wäre er im Raum gewesen? Und warum hätte Murkhus dann mehr als einen Monat mit dem Ausheben warten sollen? Das passte nicht zu diesem ehrgeizigen, unverantwortlich handelnden Vykati.



Sadothus erinnerte sich an einen Vorfall vor drei Jahren, als Murkhus schon einmal seine Kräfte überschätzt hatte.

Vor drei Jahren, als der junge Archäologieanwärter bei einer Expedition in eine bekannte Ruinenstadt ein mächtiges magisches Artefakt heimlich entwendete, hatte er auch nicht gewartet, um damit herumzuexperimentieren. Damals war ihm die Magie entglitten, ähnlich wie jetzt auch. Hätte sein Lehrmeister Tatvatus nicht rechtzeitig eingegriffen, hätte Murkhus in seinem Leichtsinn sowohl die komplette Ruinenstadt zerstört als auch seine Expeditionsgruppe vernichtet.

Sadothus hatte sich damals dafür ausgesprochen, diesen unverantwortlich handelnden Studenten vom weiteren Studium der magischen Archäologie auszuschließen,

Allerdings schien Murkhus recht mächtige Vykati hinter sich zu haben, denn man einigte sich letztendlich darauf, seinen Fehler zu vertuschen und nichts davon an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. So konnte dieser Heißsporn sein Studium abschließen und wurde anschließend in die Gilde der magischen Archäologen aufgenommen.

Obwohl Sadothus sich wünschte, dass die Gilde Murkhus nach der heutigen Aktion wieder ausschloss, befürchtete er, dass sich erneut diese ominösen mächtigen Vykati durchsetzen und dies verhindern würden. Zudem würde ihm, sollte sein Wort gegen das von Murkhus stehen, ohnehin niemand Glauben schenken. Denn Sadothus war durchaus bewusst, dass er kein großes Ansehen unter seinesgleichen genoss.

Also zuckte er die Schultern, atmete einmal tief durch und ging zu dem am Boden liegenden Häufchen Elend, das sein Weinen inzwischen eingestellt hatte.

„Hallo Murkhus“, sprach er ihn an, „ich denke, du weißt, wer ich bin.“

Es erfolgte keine Reaktion.

„Der Gravitationszauber war unerlässlich, um dich vom weiteren Graben abzuhalten“, erklärte Sadothus weiter.

Erneut regte sich nichts bei Murkhus.

Sadothus runzelte die Stirn. Er hatte zwar nicht mit einer feindseligen Miene gerechnet − schließlich lag ein disziplinierter Vykati hier zu seinen Füßen −, aber zumindest hätte er einen auf sich gerichteten kühlen Blick erwartet. Dass Murkhus so tat, als nehme er Sadothus nicht einmal wahr, machte ihn stutzig. Das war unüblich für einen stolzen Vykati.



Sadothus erklärte dem am Boden liegenden Murkhus, waurm er den Gravitationszauber eingesetzt hat.

„Murkhus?“, sprach ihn Sadothus daher noch einmal an, doch wieder erfolgte keine Reaktion.

Sadothus wurde unsicher. Er hatte, als er den Gravitationszauber sprach, genau darauf geachtet, ruhig zu sein, keine Panik zu fühlen, keine Ungeduld und auch sonst keine innere Unruhe. Hatte sich dennoch eine Nebenwirkung mit in den Zauber geschlichen? Eine, die Sadothus nicht wahrgenommen hatte?

Zum dritten Mal sprach er den am Boden liegenden Vykati an: „Murkhus?“ Und auch jetzt wieder zeigte der junge Vykati mit keiner Körperzuckung an, dass er Sadothus überhaupt wahrnahm.

Sadothus geriet in große Unruhe. Was hatte er getan? Hatte er den Zustand des jungen Vykati herbeigeführt?

Noch flirrte die Luft, noch spürte Sadothus diese merkwürdigen Schwingungen, vor denen Resogurions Geist ihn schützte. Vielleicht, so hoffte er inständig, würde mit der weiteren Stabilisierung der Magie auch Murkhus Geist gefestigt werden und dieser sein Bewusstsein wiedererlangen. Er mochte diesen jungen Vykati zwar nicht und empfand dessen Handeln äußerst problematisch, aber er hatte ihm mit Sicherheit nicht ernsthaft schädigen wollen, als er den Gravitationszauber sprach.

Mit großer Nervosität blickte er zu Tarodastrus hinüber, der gerade die Erde über dem Loch festtrat, das er zugeschaufelt hatte. Fünf weitere Löcher warteten noch darauf, zugeschippt zu werden. Hoffentlich fand Murkhus während des Füllens dieser Löcher zu seiner geistigen Gesundheit zurück!



Sadothus befürchtete, dass er an Murkhus
geistigem Zerfall Schuld hatte.

Tarodastrus'
Perspektive
Aus der Sicht des
jungen Vykati
Sadothus' Perspektive Aus der Sicht des
Waldgeistmannes

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