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Als Sadothus nach knapp einer Stunde das letzte Loch mit Erde gefüllt und festgetreten hatte, war er schweißgebadet. Die letzten fünf Gruben hatte er alleine geschlossen, ohne sich von Tarodastrus ablösen zu lassen.
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Seine Gedanken schweiften während der Arbeit ohnehin schon ständig zu Murkhus, dessen Geist ihn verlassen zu haben schien. Sadothus hätte es nicht ertragen, untätig daneben zu stehen und mit banger Erwartung auf eine Besserung zu hoffen. Er hatte sich so sehr gewünscht, dass die harmonisierende Veränderung Murkhus mehr und mehr zu seinem Selbst zurückführte − doch zum Schluss erlosch die Hoffnung. Schließlich musste Sadothus erkennen, dass Murkus’ Geist verloren war.
Vielleicht könnten ihm noch Heiler helfen, dachte er, doch es fiel ihm schwer, wirklich daran zu glauben. Wer konnte schon sagen, welche Wirkung sich beim Aussprechen des Gravitationszaubers in Murkhus Geist verirrt hatte?
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Sadothus' Gedanken waren während des Schaufelns ständig auf Murkhus gerichtet.
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Sadothus fühlte sich nach der körperlichen Anstrengung und der zerbrochenen Hoffnung innerlich leer. Er war mit dem festen Vorsatz hierher gekommen, eine Ausweitung der magischen Instabilität zu verhindern, um so Wesen davor zu schützen, in das Reich der Schatten zu gleiten. Stattdessen hatte er aber nun − ohne es zu wollen − einem jungen Vykati seinen Geist genommen. Er fühlte eine Schuld, die ihn nahezu erdrückte.
Warum hatte er sich nur entschlossen, mitzukommen? Er hatte sich nicht, wie er Tarodastrus gegenüber betont hatte, dem Biladi in den Weg gestellt − er war selbst zu einem geworden! Wie nur sollte er mit einer solchen Schuld, die er auf sich geladen hatte, weitermachen? Er hatte Murkhus jede Aussicht auf eine Zukunft als magischer Archäologe geraubt, durfte er selbst dann überhaupt auf diesem Gebiet weiterarbeiten?
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Sadothus hörte zwar Tarodastrus Beteuerung, dass er keine Schuld an Murkhus' Zustand trug, doch er konnte ihm nicht glauben.
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Mitten in diese zermürbenden Gedanken drang plötzlich Tarodastrus' Stimme: „Der junge Vykati hat seinen Geist selbst zerstört. Du trägst keine Schuld daran.“
Sadothus hob niedergeschlagen seinen Kopf und blickte seinen Freund an. Er wusste dessen Bemühungen zu schätzen, ihn aufzumuntern, doch sie beide wussten, dass es nicht der Wahrheit entsprach.
Sadothus hatte den Gravitationszauber ausgesprochen, obwohl er wusste, wie heikel dies war, hochmütig, weil er glaubte, seine Gefühle kontrollieren zu können.
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Dabei hätte er selbst es doch am besten wissen müssen, dass ihm eine emotionale Kontrolle nicht lag. Warum nur hatte er nicht Tarodastrus diese Aufgabe überlassen, der darin viel geübter war als er?
„Resogurion hat schon vor deinem gesprochenen Zauber gespürt, dass der Geist des jungen Vykati den Bezug zur Realität unwiederbringlich verloren hatte“, sprach Tarodastrus weiter. „Die Magie der Sternenblumen hat nach ihm gegriffen. Er konnte sich ihr nicht widersetzen.“
„Jetzt hör endlich mit diesem Quatsch auf“, platzte es wütend aus Sadothus heraus. Wieso kam Tarodastrus jetzt wieder auf diese Märchengewächse zu sprechen? Hatte ihm die magische Instabilität auch das Hirn vernebelt?
Mit einem Mal fiel ihm voller Entsetzen ein, dass Tarodastrus erstmals diese Pflanzen erwähnt hatte, nachdem er den Gravitationszauber ausgesprochen hatte. Hatte Sadothus etwa dessen Geist gleich mitgeschädigt?
Tarodastrus blickte ihn jedoch zunächst nur still in seiner ruhigen Art an und entgegnete dann mit Bestimmtheit: „Komm mit!“
Damit drehte er sich um und schritt in Richtung des hinteren Teils der Lichtung.
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Sadothus folgte ihm widerstandslos. Er hatte keine Kraft mehr, sich dem Wunsch Tarodastrus' zu widersetzen.
Je mehr er sich dem hinteren Teil des Jada-Schreins näherte, desto mehr verspürte er eine merkwürdige Linderung seiner Schuldgefühle. Ihm war weiterhin bewusst, welch grausames Schicksal Murkhus durch seinen gesprochenen Zauber erlitten hatte, aber die Bedeutung rückte in den Hintergrund. Es war nicht mehr wichtig.
Sadothus spürte, wie er eins wurde mit der Natur. Hier war es gleichgültig, ob die anderen Vykati ihn akzeptierten oder nicht. Hier durfte er so sein, wie er war, ohne kontrollierende Blicke, maßregelnden Worten, abschätzige Blicke. Er spürte eine allumfassende Harmonie.
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Sadothus folgte widerstandslos Tarodastrus in den hinteren Teil des Jada-Schreins.
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Plötzlich hielt Tarodastrus an und zeigte auf ein Blumenfeld: „Das sind Sternenblumen.“
Sadothus blickte erst ihn an, dann die Blumen und augenblicklich fühlte er sich von ihrer Schönheit hingerissen: die dunkelblauen Blütenblätter, welche in Form von Sternen angeordnet waren, der Glitzer, der auf ihnen lag und gebildet zu sein schien aus Hunderten von hell leuchtenden Sternen, in der Mitte ein weißer Blütenstempel, der wie eine Kerze in dunkler Nacht daraus hervorwuchs.
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Sadothus wollte sich in die vorgegaukelte Harmonie der Sternenblumen fallen lassen.
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Diese Blumen versprachen ihm Heilung für seine geschundene Seele. Alles, was ihn je belastet hatte, fiel von ihm ab: Die Strafen durch seine Eltern, die er als Kind ertragen musste, weil er sich weigerte, seine Gefühle zu verstecken; die Erniedrigung seiner Arbeitskollegen, die von seiner Arbeit profitierten, ihn aber ansonsten wie einen Aussätzigen behandelten; die Ablehnung der Vykatifrauen, die in ihm einen Ausgestoßenen sahen, nur weil er ihnen Emotionen entgegenbrachte. All dies wurde nebensächlich, es war unbedeutend. Er ließ sich in dieses Gefühl sinken wie in ein weiches Federkissen − doch plötzlich spürte er Widerstand. Etwas verhinderte, dass er sich fallen lassen konnte. Es hielt ihn fest.
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Irritiert blickte er zu Tarodastrus. Dieser nickte, als wisse er Bescheid, und sagte wieder mit Entschlossenheit: „Wir gehen zurück!“
Sadothus blickte erneut zu den Blumen. Er wollte sich nicht trennen. Hier war alles gut, hier gab es keine Ablehnung, hier gab es keine Schuld.
„Sadothus“, sagte Tarodastrus mit strenger Stimme, „wir gehen zurück!“
Irritiert spürte Sadothus, wie Tarodastrus ihn am Arm packte und mitzog. Aber er wollte nicht gehen, er wollte hierbleiben! Tarodastrus sollte ihn nicht fortbringen!
Doch bevor er sich losreißen konnte, spürte er erneut einen inneren Widerstand, der stärker war als sein Wunsch zu bleiben und seine Beine in Bewegung setzte, so dass er dem Drängen seines Freundes folgte.
Je weiter er von Tarodastrus in den vorderen Teil des Jada-Schreins gezogen wurde, desto mehr nahm das Gefühl der Harmonie ab und die Realität, die er im hinteren Teil vollständig vergessen hatte, drängte wieder in sein Bewusstsein. Als Sadothus schließlich vollständig aus dem Wirkungskreis der Sternenblumen herausgetreten war, schüttelte er sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Ein Eisschauer nach dem anderen jagte über seinen Rücken, seine Hände zitterten vom inneren Aufruhr, einen klaren Gedanken konnte er nicht fassen. Was hatte er gerade erlebt? Er hätte sich fast selbst verloren! Was war das?
Er spürte wie Tarodastrus ihn zu dem Felsen mit dem roten Moos schob und dann mit einer Autorität in der Stimme sprach, die Sadothus von ihm nicht kannte: „Leg die Hände darauf!“
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Gehorsam folgte Sadothus der Anweisung und augenblicklich spürte er, wie der Aufruhr in ihm abnahm, seine Gedanken sich ordneten und er seinen Körper wieder unter Kontrolle bekam.
Mit großen Augen blickte er Tarodastrus an.
Dieser erklärte in seiner ruhigen Art: „Du hast gerade die betörende Wirkung der Sternenblumen erlebt. Resogurion hat auf dich Acht gegeben, dass du dich in der Magie dieser Pflanzen nicht verlierst.“
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Sadothus legte seine Hand auf das rote Moos und spürte, wie er wieder ruhiger wurde.
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Ah, daher kam dieser innere Widerstand, erkannte Sadothus. Das Geisterwesen hatte also verhindert, dass er das tiefe Gefühl von Vertrautheit und Wärme zu Tarodastrus vollkommen vergaß.
Inzwischen war Tarodastrus in seiner Erklärung fortgefahren: „Der junge Vykati hatte diese Kontrollinstanz nicht und war den Blumen schutzlos ausgeliefert. Sein Geist hatte sich in ihnen schon verloren, bevor du den Gravitationszauber ausgesprochen hattest. Daher konntest du keinen weiteren Schaden bei ihm anrichten. Er hat ihn sich durch den Versuch, das magische Artefakt auszugraben, selbst zugefügt.“
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Als Tarodastrus ihm nun die Situation erklärte, konnte Sadothus seinen Worten Glauben schenken.
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Tarodastrus' Perspektive
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Sadothus' Perspektive
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